Gunter Böhmer


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Gunter Böhmer illustriert Weltliteratur-1517


Hermann-Hesse-Museum Calw


Ausstellung Die Nachtwache im Durianhain


Ausstellung Zwischen Traum und Albtraum


Ausstellung Dresden


Ausstellung Lebenslinien


Böhmer illustriert Hesse
Gunter Böhmer als Maler

Stellt man die Urteile über den Maler Gunter Böhmer zusammen, so stößt man zuerst auf Dr. Konrad F. Bauer, der die Anfänge miterlebt hat: „Er hat zu Pinsel und Leinwand gegriffen und malt, ringt mit Formaten, die andere Dimensionen haben als die miniaturhaften begrenzten Aquarelle der ,Madame Bovary', mit farbiger Materie, der ein andersartiger Widerstand, eine andere Zähigkeit anhaftet als dem Rötel der Oleandro-Zeichnungen. Dabei ist er in die Tiefe gedrungen, ist weit unter die farbig schäumende Oberfläche getaucht, um zu erreichen, was ihm wesentlich ist, und dabei hat er oft hart an den abgründigen Bezirk des Dämonischen gerührt.“

Das war Mitte der dreißiger Jahre. Bald darauf schreibt Professor Dr. Karl Hönn in der Kunst- und Antiquitätenrundschau in Ulm: „Den Maler in sich zur Reife und Auslösung zu bringen, hat außer der strengen vorbereitenden Zucht des Grafischen ein anderes wesentlich beigetragen: die südliche Farbe, der sich Böhmer gegenübersieht, seitdem er im Tessin wohnt.“

Ein Name kehrt in Böhmers persönlichen Äußerungen öfters wieder: van Gogh. An ihn muß man anschließen, wenn man dem Wesen seiner Malerei nahe zu kommen sucht. Sein Ziel war nicht mehr das Licht, sondern die Farbe: statt, wie die Impressionisten, aus Auflösung der Farben den Eindruck der Helligkeit zu gewinnen, suchte er durch Zusammenziehung der Farben neue, starke Harmonien, statt der Raumillusion der Impressionisten das Raumgefühl durch farbige Flächen. ,Flächenbalance ist mir wichtiger', sagte Böhmer, ,als Luftperspektive', indem er diese Ziele zu den seinigen machte.

Seine Bilder haben reiche, oft faszinierende, phantastische, bezaubernde malerische Eigenschaften in Farbe und Vortrag: aber ihr Kern ist die leidenschaftlich-stürmische oder andächtig-innige lnbrunst zur Natur und das Erfülltsein von ihren Erscheinungen.“

Hermann Hesse begleitet die erste Publikation mit einem Freundeswort: „Mir erscheinen die Bilder dieses Jahres (1937), deren hier einige wiedergegeben werden, vor allem als Ergebnisse eines inneren Kampfes, eines heftigen, leidenschaftlichen Befreiungsversuches, eines Durchbruchs aus rationalen, freundlich geklärten Bezirken in die Gebiete des Problematischen und Dämonischen. Dieser Kampf und Durchbruch ist längst noch nicht zu Ende, aber mir scheint, einige dieser Bilder seien auf bestem Wege zur wirklichen Kunst und zum wirklichen Menschentum, und sie verdienen unsere herzliche Aufmerksamkeit und Teilnahme.“ (Zeitschrift „Das Werk“ Zürich, 1938). Nun, dieser Befreiungsversuch ist geglückt. Der Kampf selbst dauert an, wie Leopold Zahn sagt, und scheint mir wesentliches Element der Kunst Böhmers zu sein und bleiben zu sollen.

Bemerkenswert ist heute - nach zwanzigjähriger Arbeit - vor allem Böhmers Beziehung zur Form. Da er seine Bilder „baut”, spielen die Bausteine für ihn eine wesentliche Rolle: Meist sind es die in den Gegenständen selbst liegenden formalen Elemente (Fensterläden, Stuhl und Sessel, Geäst, Atelierraum mit den Schrägen der Wand- und Dachlinien und den Winkeln und Ovalen der Fenster und Bildrechtecke). Auch werden Gegenstände als Ausgangspunkt für die Verspannung der Bildfläche genommen (Waldhorn, Krug, Vase) in einer Weise, die an geometrische Aufteilung denken läßt.

Die formalen Elemente werden aber nie als Hauptabsicht oder gar dekorativ verwendet (abgesehen davon, daß ihnen immer ein dekorativer Gehalt innewohnt), sondern fügen sich zu bildnerischer Dichte, die durch die Farbe erreicht wird. Sie gestalten sich zu echter, erfüllter Form und werden als solche Träger dichterischer Aussage. Gunter Böhmers herbe Lyrik ist durchaus eigenständig und - als Resultat genommen - ohne Vorbild. Nur scheint diese Sprache intellektuell bestimmt, und völlig fehlt ihr das Sentimentale; gerade das macht Böhmer, der so sehr dem Klassisch-Schönen verhaftet ist, uns Heutigen verständlich: ein Maler, der reiner Maler sein will und nichts als das -, und bei dem die Metamorphose moderner Problematik und Reflexion ins Malerische geglückt ist; zuweilen abgeschlossen, oft mit den Spuren des Wandlungsvorganges gekennzeichnet.

Es ist keine naive oder intuitive Malerei - die vielen Bildversuche über das gleiche Thema bezeugen es -, sondern ein Ringen um die Umsetzung einer durch die Tessiner Landschaft und Atmosphäre bestimmten Psyche ins Bild. Auf diesem Weg der Transformation befindet sich Böhmer in einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Farbe. Wer seine dunkelleuchtenden Farben, die er zum Klingen bringt, überhört oder wer bei einer Analyse seiner Bilder den Gesamtklang vernachlässigt, wird ihm kaum gerecht werden.

Manchmal erscheint das Herbe seiner Diktion linkisch, doch der erste Eindruck täuscht: die Stufen und Nuancen einer etwas spröden Innerlichkeit erschließen sich, wie wir alle wissen, nur dem Geduldigen.

Die Auseinandersetzung eines Malers mit dem Dichterischen, auf formaler Grundlage, die von der Farbe zur erfüllten Gestalt gedrängt wird, als Ergebnis die reine Dichtung landschaftlicher und menschlicher Bezüge suchend: so erscheint mir Gunter Böhmer.

Dietrich Mahlow (1957)


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